Hekurudha Shqiptare - Bahnfahren in Albanien
Als eingefleischter Fan schwerer Stahlrösser, sibirienerfahren und auch schon in einem polnischen Kurswagen mehrere Tage durch die Ukraine verschoben worden, konnte ich diesen albanischen Zügen nicht widerstehen. Schon mehrmals hatte es mich gezwickt, jedoch ist die Sache nicht so einfach. Albanien ist in diesem Bereich ein echtes Entwicklungsland. Es gibt nur wenige, schlechte und selten befahrene Bahnstrecken. Eine Verbindung in das Ausland gibt es überhaupt nicht. Alle täglichen Zugverbindungen des ganzen Landes passen auf eine simple Kreidetafel. Es muss halt gerade passen und diesmal passte es. Die Strecke Durres-Tirana ist die albanische “Hauptschalgader” im Bahnverkehr. 6x Täglich verkehrt ein Zug in beide Richtungen - noch 30 Minten bis zur Abfahrt, das passte.
Es wurden 45 Min. - O.K. besser kann die deutsche Bahn AG das auch nicht. Für die 38 km lange Strecke nach Tirana zahlt man 70 Leke, das sind umgerechnet ca 50 Cent. Das Rollende Material in Albanien besteht aus knapp 40 Jahre alten tschechichen Diesellokomotiven und 2-3 angehängten, eben so alten deutschen oder österreichischen Intercity-Wagons. Es gibt nur eine Wagenklasse. - Will heißen: im 1. Klasse Abteil haben sich mehrere Schaffnerinnen breit gemacht und werfen jedem, der es betreten will böse Blicke zu. Es riecht nach Urin. Die Inneneinrichtung ist leidlich intakt, besser als es die Wagen von außen hätten vermuten lassen. Keine, wirklich keine der Fensterscheiben ist heil und die metallene Außenhaut der Wagen ist zerlöchert und zerbeult (mehr dazu später) und die Türen schließen nicht.
Nachdem der Zug Kopf gemacht hatte (die Lok fuhr über ein Abstellgleis vom hinteren an das vordere Ende des Zuges) hätte es eigentlich los gehen können. Eigentlich. - Die Schaffnerin des hinteren Wagens trillerte mit ihrer Pfeife, die Schaffnerin im vorderen Wagen auch, der Lokführer hupte und dann war lautes Geschrei zu hören. Ein Mann in verölter Arbeitskleidung kletterte zwischen die Wagons und versuchte sie neu zu kuppeln. Alles klar. Die Schaffnerin im hinteren Wagon trillerte, die Schaffnerin im vorderen Wagon eiferte ihr nach, der Lockführer lud noch ein Fahrrad auf und betätigte die Hupe. Lautes Rufen und das ganze ging noch einmal von vorne los bis sich dann im dritten Anlauf der Zug langsam in Bewegung setzen konnte. Wie an fast jedem Bahnhof vorbei an den Quartieren der Ärmsten. In einem Land, wo das Durchschnittseinkommen bei ungefähr 10% unseres Einkommens liegt, ist das schon eine harte Nummer. Die Bahnsignale an der Strecke waren funktionslos, Kupfer aus Kabeln, alte Güterwagons und auch Stahlschienen erzielen mittlerweile ordentliche Preise auf dem Schrottmarkt. Der Streckenunterbau lässt nur Geschwindigkeiten von höchstens 50 km/h zu. So polterte der Zug stadtauswärts während es drinnen lebendig wurde.
Das “Surfen” in der offenen Tür war sehr beliebt bei den jungen Albanern. Einige, ein wenig angetrunken, eine Zigarette möglichst lässig im Mundwinkel, stellten ihr “Können” unter Beweis. Gerne wurden Fußgänger und Autos bespuckt, und man pöbelte auch immer mal wieder vorbeigehende an. Besondere “Erfolge” wurden mit coolen Posen gefeiert.
Die auf diese Art mehrmals täglich gebeutelten Anrainer schlugen jedoch gnadenlos zurück. Steine prasselten auf den vorbeifahrenden Zug ein. Ab und an hielt auch jemand einen Eimer mit Wasser bereit, um die hitzigen Bahnsurfer ein wenig abzukühlen. Das Geheimnis der zerborstenen Fenster und zerbeulten Wagons war somit ein offenes.
Nach einer guten Stunde Fahrzeit erreichte der Zug in der Abenddämmerung die albanische Hauptstadt. Eines der letzten Alltagsabenteuer Europas lag hinter uns und vor uns die pulsierende Metropole. Wo sonst kann man für 50 Cent so viel erleben?






